Adler Meidelstetten

Adler Meidelstetten

Die Gallier von der Alb

Ein saftiges Wildschwein am Spieß an Pfefferminzsauce, mit Kastanien gefüllte Mastgänse, Omelett aus acht Dutzend Eiern oder Kamelhöckersteak und Elefant gefüllt mit Oliven … gibt es in der Meidelstetter Miraculix-Küche leider nicht. Dafür Marvin Kuß` auf Niveau gepäppelte Alb-Ovationen mit internationalen Einsprengseln. „Der Adler Meidelstetten ist wie ein kleines gallisches Dorf“, behaupten die Vorständ/Innen vom Förderverein Zukunft Adler Meidelstetten e.V. . Frei nach dem Motto: „Wenn`s nicht läuft, machen wir`s halt selber!“

„Gutbürgerliche Küche“ war vorgestern. Das älteste Wirtshaus im Ortsgebilde Hohenstein auf der Mittleren Schwäbischen Alb hat sich von der politisch selbstverwalteten Bistroküche einer Kultur-Kooperative aus den Achtzigern zum Schmeck-den-Süden-Geheimtipp der Jetztzeit entwickelt. „Der Adler ist mit seinen Gästen mitgewachsen – deshalb gibt es uns noch“, sagt Vereinsvorstand Stefan Rauscher. Ein Kraftakt, der enorm viele Klimmzüge erfordert hat. Gerne auch mal am Existenz-Trauf.

Egal, wie die Empfehlungen des Dehoga zum aktuellen Business ausfielen. Das war und ist den Machern der Kultkneipe heilig: Keine Halbfertigprodukte, kein Kompromiss beim Essen und keine Zugeständnisse beim Kultstatus. Nächstliegend war die Organisation als Verein – mit Null Gewinn. Hinter dem Gastronomie-Betrieb steht heute ein Förderverein, der von langjährigen Mitgliedern und Kooperationspartnern getragen wird – aus Überzeugung.

Was letztlich zählt, ist das Ergebnis: Eine nach wie vor gelungene Mischung aus rustikaler Dorfkneipe mit Stammtisch am Holzofen. Mit bis zu vier verschiedenen Biersorten vom Fass während der Saison, Platz für Saure Kutteln und Spätzle mit Soß`, die Leich` und den Hochzeitsschmaus fürs Lokale. Hinter „kinderfreundlich“ steht ein dickes Ausrufezeichen!

Die älbler Lagerfeuer-Romantik im Biergarten findet am Übergang zur Landwirtschaft statt. Mit eigener Zapfanlage, Open-Air-Bühne und zu nach wie vor sehr soliden Preisen. Das traditionell exquisite Kulturprogramm mit internationaler Ausstrahlung (live und gestreamt) – kommt vom anderen „Verein für angewandte Lebensfreude e.V.“. Der gediegenen Plattform fürs Kulturgeschäft. Seit Jahrzehnten.

Das Rote-Beete-Carpaccio aus der Adler-Küche mit gratiniertem Ziegenkäse, Walnüssen und Kresse passt wunderbar in diese ursprüngliche Landschaft. Vor allem wenn die Hauptzutat zur Gartenzeit aus der privaten Nachbarschaft kommt. Die Crèpes-Rouladen mit Räucherfisch sowie die fangfrischen Forellen aus den Fischteichen in Honau sind auf der Mittleren Schwäbischen Alb Lieblingshappen. Kultstatus hat die Schwarzwurst vom Dorf-Metzger aus Gammertingen im „Wurstsalat Spezial“.

ßuf Meerrettich-Creme geht gerne vorneweg, auch der gebackene Fetakäse im Brickteig (aus der nordafrikanischen Küche – ähnlich wie Börek) mit marinierter Melone als Salat. Die Süßkartoffel-Pommes mit hausgemachtem Knoblauchdip sind für zwischendurch. Wahlweise der „Adler-Vegi-Bowl“: Falafel-Bällchen an frischem Gemüsesalat mit Quinoa-Sesam-Marinade. Die Karte hat grade gewechselt. Damit dürfte die Bandbreite der Küche allerdings noch lange nicht ausgereizt sein.

Der Stammgast im Meidelstetter Kirchgässle erwartet selbstverständlich ein solides „Adler-Pfännle“ mit Rump- und Schweinerücken-Steakle nebst selbstgefüllter Maultasch` an feiner Rahmsauce und mit handwerklichen Kässpatzen. SchniPoSa (Schnitzel mit Pommes und Salat) gehört auf der Zentralalb zum Sonntagmittag wie die kross gebratenen Maultaschen mit (veganem) Kartoffelsalat. Die geschmorte Schulter vom heimischen Rind mit delikater Zwiebelsoße, original Küchen-Spätzle und glasierten Karotten ist eine Anlehnung an die feine Hotelküche.

Was manchmal a bißle fehlt, ist das legendäre Knobibrot aus der Spontizeit – mal mehr mal weniger ofenschwarz gestreift. Dafür gibt`s jetzt hausgemachte Käseküchle mit eigenem Knoblauch-Dip und die legendäre „Adler-Lasagne“ aus Pfannkuchen, mit Spinat und Schafskäse von der Alb. Als vegane Alternative auch gerne mal Linsen-Curry von der Tageskarte. Solange der Vorrat reicht. „Ich mache gerne was Asiatisches oder mal Basilikum-Parfait“, sagt Küchenchef Marvin Kuß, der sonst eher aufs Backoffice konzentriert ist als aufs Reden.

Selbstverständlich werden auch die Röstzwiebeln zum Rinderschmorbraten – wie alle anderen Zutaten – in der eigenen Küche produziert. Zusatzstoffe kommen erst gar nicht in den Topf.

Ein echter Hingucker sind Desserts wie der saftige doppel-schokoladige Kuchen mit Bauernhof-Walnuss-Eis aus dem Lautertal mit Karamellsauce, Omas urschwäbische Apfelküchle mit Vanilleeis und Früchten, Mascarpone-Espuma auf Löffelbiskuit, Tiramisu oder Kristallweizen-Parfait (?!). Aus einer Stammtisch-Laune heraus.

Marvin Kuß, gebürtiger Engstinger, aber aufgewachsen in Meidelstetten, sucht sich seine Zutaten gerne bei den Jägern aus den nahegelegenen Wildrevieren zusammen. Bärlauch sammelt er vor der Tür. Als leidenschaftlicher Neckar-Angler legt er mitten im Albdorf Wert auf eine sehr vorzeigbare Fischkarte – je nachdem, was grade anlandet. Und immer als eine der Überraschungen auf der Tageskarte. Gelernt hat er sein Handwerk in der Profiküche im Achalm-Hotel in Reutlingen und in Ilona Schmälzles` feinem Waldcafé in Pfullingen.

Detailverliebt, abwechslungsreich, handwerklich ausgefuchst und durchgehend mit vier- bis fünf-Sterne-Bewertungen lockt die Adler-Küche Liebhaber vom Stuttgarter Neckarraum, dem Donauvorland bis Friedrichshafen auf den älbler Acker. Am Sonntag ist Reservieren empfohlen.

„Wofür wir das ganze Theater veranstalten?“, fragt sich der Vereinsvorstand selbstkritisch: „Natürlich für uns! Wir legen alle Wert auf gutes Essen und wollen, dass das auch anderen zugute kommt. Ein Laden und eine Wirtschaft gehörten immer ins Dorf. Den Laden gibt es nicht mehr. Dafür ist die Wirtschaft was Besonderes.“

Ein Geschäftsführergehalt gibt es im Verein selbstredend nicht. Sämtlicher Überschuss wurde und wird re-investiert. Etwa in eine kürzlich komplett sanierte Profiküche in nur drei Wochen Bauzeit und neue Sanitäranlagen mit erstaunlicher Eigenleistung aus dem 100 Mitglieder zählenden Förderverein.

Mit dem „ganzen Theater“ ist dann auch nicht das legendäre Adler-Kulturprogramm gemeint. Sondern eher die mehrfachen Anläufe, aus der 1983 politisch motivierten Kooperative einer eingeschworenen Männer-WG über Verkauf und Pachten sowie mit Vollzeit-Teilzeit-Aushilfsköchen einen vorzeigbaren und wirtschaftlich soliden Gastronomiebetrieb aufzufahren. Immer mit dem Ziel, das Einzigartige am Adler-Meidelstetten zu erhalten. Typisch Alb überdauerte die Institution nur im Ehrenamt. Als genossenschaftlich organisierter Betrieb.

Gleich hinterm Märchenschloss Lichtenstein, wo sich früher Fuchs und Hase gute Nacht sagten, ist Identität und Lebensqualität etwas ganz Zentrales. Heimelig und Heimat. Das verbindet hier über alle Lebenslagen hinweg. Und ganz ehrlich: Ich erinnere mich gerne an die Zeit hinterm Adler-Thresen zurück, als zu Grachmusikoff und Eisi Gulp die Selbstgedrehte im Aschenbecher abkippte, weil man vor lauter Nachschub und mithotten einfach nicht hinterherkam. Am Flair hat sich generalsaniert nicht viel geändert. Und das ist gut so!

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