Speisecafé Schlössle

Speisecafé Schlössle

Die Kunst, zu genießen

„Ich hasse alles Profane und halte es von mir fern“, steht über dem mit zwei Portal-Löwen bewehrten Erkerturm des Speisecafé Schlössle in Stein gemeißelt. Auf Latein, um Meister Horaz die Ehre zu geben, und nicht jeden entzückten Wanderer gleich zu verschrecken. Das ehemals noble Privatsanatorium mit eigener Quelle liegt geschützt im bewaldeten Hufeisen eines kleinen Seitentals vor Seeburg – wie klein Hollywood auf der Alb. „Bei Vollmond taucht das Licht die „Villa“ in eine mystische Atmosphäre, die ein Traummotiv für Krimifans abgibt“, schwelgt Schlössle-Besitzerin Sabine Rapp-Bimek. Wenn sie Zeit dazu hat.

Cabrio-Festival vorm alten Schlössle

Hinter der Fassade aus vor Ort gebrochenem Tuffstein haben sich Küchenmeister und Konditor Konrad Bimek und seine Frau Sabine eine Hobbit Stube mit ganz außergewöhnlicher Ausstrahlung eingerichtet. „Als wir 2008 hier angefangen haben, gab es in Seeburg keine Gastwirtschaft. Das „Lamm“ war zu. Das „Café Schlössle“ wollten wir übernehmen. Man musste was Neues erschließen. Ich war ja Koch. Das Angebot war eine durchgehend warme Küche von Mittags bis Abends. Alles, was die reelle klassische Küche hergibt – so wie man`s als Koch gelernt hat. Normale Handarbeit. Das läuft auf Zeit und Handwerk raus. Wenn`s am Ende vom Jahr stimmt, ist der Aufwand egal. Es braucht Durchhaltevermögen – bei soviel Nachahmern muss ich vieles richtig gemacht haben“.

Konrad Bimek – sparsam in der Wortwahl und umso geistreicher im Kreativen: Die traditionell auf Mürbeteig aufgebauten handgefertigten Kuchen und Torten werden gefeiert, weit über die Region hinaus. Ein Stammgast aus Köln, erzählt Konrad Bimek, bestellt das leckere Schlössle-Bauernbrot aus dem Steinbackofen regelmäßig per Post. Auf Sonderwunsch bäckt der leidenschaftliche Konditor auch Rosinenbrötchen, Mutscheln und Brioche. Eigene Schokobananen, flammende Herzen, Nougatringe oder Osterlämmer. Spezielle Obstkuchen gibt es immer nur dann, wenn die betreffenden Fruchtsorten geschmacklich gereift und von hier sind. Das Hochprozentige in der hauseigenen Schwarzwälder Kirschtorte ist reine Vetterles-Wirtschaft. Ein Traum: Die mehrschichtige luftige Flockensahne-Torte und der für die Gegend typische Mohnkuchen.

Im Frühjahr gibt es im „Schlössle“ Spargel und zu St. Martin die traditionelle Gans. Das Wild zu fantasievollen Pilzvariationen stammt direkt von den Jägern aus dem Staatswald – um Urach, Eningen und Münsingen.

Unter „ehrlicher Küche“ versteht deutschlands einst jüngster Küchenmeister ganz einfach: „… dass man nachvollziehen kann, was es ist.“ Die passenden Champignons dazu kommen unweit aus Ehestetten, der legendäre Fisch fangfrisch aus der Ermstalfischerei – grad zweimal um die Ecke. Spätzle und schwäbische Maultaschen werden selbstredend in der eigenen Küche produziert. Das traditionelle Fischmenü am Freitag variiert den Saibling und kommt mit typisch schwäbischem Dessert wie Dampfnudeln oder Waffeln daher.

blauer und weißer Salon sowie das Herrenzimmer und ein verglaster Wintergarten – jeder Gastraum im eigenen Stil

Ein Wimmelbild voll Raritäten in den original erhaltenen Einbauschränken. Hinter der Tür der Mittelkonsole verbirgt sich der ausgediente handbetriebene Speiseaufzug

Kuchen und handgemachte Torten sind ein Markenzeichen im Café Schlössle. Fotos:Tripadvisor
Fischvariationen mit leckerem schwäbischem Dessert gibt`s immer Freitags. Foto: privat

Die Kartoffeln dazu stammen von oberhalb vom Sonnenhof, die Nudeln aus der Manufaktur in Gächingen. Legendär: die handgemachten Spinatknödel mit Salbeiblättern und das Curry-Geschnetzelte nach Art des Hauses. Allein der Süßkartoffel-Auflauf ist eine Anreise wert. Allergiker, Vegetarier oder Veganer werden hier nicht als Außenseiter abgetan. Wenn die Küche offen ist, steht auch der Chef hinterm Herd. Konrad Bimek pflegt grundsätzlich einen sehr herzlichen, individuellen Umgang mit seinem Gast. Als Meister seines Fachs denkt er in vollwertigen Alternativen.

Hier gibt es noch die klassische Weinschaumsoße mit riesigem Überbau. Die Adlige unter den Desserts wird vom Service auf offener Bühne zelebriert. Wer als Gast ehrlich angetan ist statt zu schnorren bekommt mit etwas Glück ein „Versucherle“ davon ab.

Seit über 14 Jahren pflegen die Bimeks im Café Schlössle das Ineinanderweben von Ambiente und Genuss. Als Herzenssache und mit Finesse bis ins Detail. Das Herrenzimmer mit seinem riesigen Kronleuchter, Stuckdecke , dunkler Täfelung und den neueren Fresken des Uracher Künstlers Hans Helferstorfer verströmt einen archaischen Charme.

Überm Fries, vor den tollenden Putten in Ur-Uracher Kulisse, hat Sabine Rapp-Bimek eine Sammlung Krimis aus den Sechzigern arrangiert: Agatha Cristies „Villa Nachtigall“ und „Bei den drei Eichen“ von Altmeister Edgar Wallace. Ein Vinyl-Cover mit Kriminal-Klassikern bekannter Orchesterkompositionen. Alle zeigen sie das „Einsame Haus“, wie die lange verlassene Villa im Volksmund genannt wurde, als mystischen, verwunschenen Ort.

Wenn Sabine Rapp als kleines Mädchen im Auto mit ihrem Vater an den hohen Tannen vorbeifuhr, hat sie oft einen verstohlenen Blick auf das alte Gemäuer riskiert.

Kunstmaler Hans Helferstorfer zeichnete verspielt ein lebendiges Bild vor Uracher Kulisse.
Kronleuchter gehören zum archaischen Ambiente der Villa.
Eine Sammlung kriminalistischer Werke – das Schlössle als mystisches Cover. Fotos: Steidle

Das Gebäude selbst ist die extravagante Schöpfung eines Stuttgarter Architekten um das Jahr 1885 – als quadratischer Bau angelegt, mit zentraler Heizung, etlichem Wohnkomfort und großzügig bemessenem Weinkeller. Für die durchweg vornehmen Dauer-Frischler der privaten Heilanstalt mit Kulturaustausch und Familienanschluss. Zwei Stockwerke, zehn Zimmer – aber nur zwei davon für die Kurgäste. Schloss Uhenfels hoch über Seeburg wurde übrigens auch zwischen 1874 und 1883 erbaut.

Ab 1906 diente das Gebäude als Verwaltung und Wohnhaus für den honorigen Finanzfachbeamten Max Mühleisen. Dann stand es lange leer. Erst Michael Lang und seine Frau Elfriede, Besitzer der „Ratstube“ in Bad Urach, machten das markante Café Schlössle zum gefeierten Kuchenbuffet aus der eigenen Backstube. Für die Bimeks ging es lange hin und her. Die Betriebsübergabe der Langes altershalber fiel schwer – und wenn, dann sollte das Herzstück nicht Irgendeiner bekommen.

Konrad Bimek war der Klassiker: Er wurde im alteingesessenen Hirsch in Würtingen in den elterlichen Betrieb hineingeboren. Statt Technik-Studium wartete gleich die ganze Verantwortung auf ihn. Für einen Großbetrieb mit Saalbau, Konferenzraum, Beherbergung und Wellness. Damals, so erinnert sich der leidenschaftliche Koch, gab`s kein Aufbegehren. Mit 14 begann er eine klassische Küchenausbildung in der renommierten Traube/Post in Eningen unter der Achalm. Der Vater starb früh. Bimek übernahm noch in der Ausbildung. Den Betrieb bekam er aber trotzdem nicht. Der Bruch mit der Familie war vorgezeichnet.

Foto: Mercedes Benz – Das Magazin

Auf Spritztour mit Classic Cars – Eine ältere Dame im Wintergarten sah die vier Jungs die Treppe heraufkommen und war von den Socken: „Das ist doch der Rapper Smudo von den Fantastischen Vier!“

Blacky Fuchsberger gehörte zu den willkommenen Gästen im Schlössle. Fernseh-Auftritte und Mediengeschichten gibt`s bei den Bimeks oft und feihaus

Gemeinsam stemmte das Ehepaar die Pacht am Übersberg mit nahezu 400 Plätzen in zwei separaten Betrieben – aus dem Nichts. Dagegen war das „Schlössle“ in der „Buige“ pure Leidenschaft – überschaubar, persönlich, liebevoll und ganz nah dran. Küchenmeister Kurt Bimek fing wieder an, über Lebensmittel wie über wertvolle Sammlerstücke zu reden, über deren angemessene Verarbeitung und Küchenwerte an sich.

Wenn Sabine und Konrad Bimek heute vor ihrem „Schlössle“ stehen, betrachten sie ein Lebenswerk. Allein der Anbau des neuen Küchentrakts im rückwäritgen Teil hat die Summe eines durchschnittlichen Einfamilienhauses verschlungen. Die gesägten Tuffsteine für die Ergänzung der denkmalgeschützten Fassade sind Geschichte pur. So passt eins zum anderen – innen wie außen.

Beeindruckende Großbaustelle: Der Anbau des neuen Küchentrakts mit Tiefbau war ein Generationenprojekt. Foto: privat
Optimale Arbeitsbedingungen in der Küche erleichtern den Arbeitsfluss – der bei den Bimeks das halbe Leben bestimmt. Foto: Steidle

Das Seeburger Café Schlössle steht übrigens auf Wittlinger Gemarkung. Das wissen die Wenigsten. Die „Buige“ war schon immer von seeburger und wittlinger Waldungen umgeben. Anders als am benachbarten Hartberg gab es hier keine Landkäufe der Nachbarn vom Trauf.